
Sexualität wird häufig als etwas dargestellt, das selbstverständlich vorhanden ist und automatisch funktioniert. In der physiotherapeutischen und sexualtherapeutischen Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Sexualität ist ein erlernbares Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, Bewegung, Atmung, Beziehung und kognitiven Mustern. Genau hier setzen körperorientierte Ansätze wie die Physiotherapie und das Modell Sexocorporel an.
Motorisches Lernen beschreibt den Prozess, bei dem Körper und Gehirn gemeinsam Bewegungsabläufe erlernen und automatisieren. Ein klassisches Beispiel ist das Fahrradfahren: Anfangs erfordert es bewusste Aufmerksamkeit, mit zunehmender Übung läuft der Ablauf nahezu automatisch ab. Dieser Lernmechanismus gilt ebenso für die Sexualität. Bereits in der Kindheit beginnen wir, Wahrnehmung und Lust zu erkunden – zunächst ohne sexuellen Kontext, sondern als reines „Sich-spüren“ und Kennenlernen des eigenen Körpers. Durch Berührung entstehen Sinneseindrücke, die als angenehm erlebt und wiederholt werden. Dieses Wiederholen stärkt die Verbindungen zwischen Körper und Gehirn. Sexualität ist somit kein Automatismus, sondern das Ergebnis von Lern- und Erfahrungsprozessen.
Ein zentrales Konzept in der körperorientierten Sexualtherapie ist der sogenannte Erregungsmodus. Dieser beschreibt einen erlernten, meist sehr konstanten Ablauf, der zur sexuellen Erregung und zum Orgasmus führt. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Masturbation. Viele Menschen nutzen dabei ähnliche Positionen, einen bestimmten Druck, Rhythmus sowie wiederkehrende Bewegungs- und Atemmuster. Auch sexuelle Fantasien ähneln sich häufig. Durch wiederholtes Üben wird dieser Ablauf automatisiert und zu einem persönlichen „Go-to-Mechanismus“, um Erregung und Orgasmus zu erreichen.
Unsere sexuellen Fähigkeiten – also Wahrnehmung, Spürfähigkeit, Ausdruck von Gefühlen sowie verbale und nonverbale Kommunikation sind daher trainierbar. Wie bei jeder motorischen Fähigkeit können sie erweitert, angepasst und weiterentwickelt werden.
In meiner Arbeit als Physiotherapeutin und klinische Sexologin nach Sexocorporel begleite ich Menschen genau bei diesen Lern- und Entwicklungsprozessen. Ziel ist es, Sexualität wieder als lebendig, lustvoll und erfüllend erlebbar zu machen. Unabhängig von Alter, Lebensphase oder bisherigen Erfahrungen.
Erlernte Erregungsmuster können im partnerschaftlichen Kontext oder durch körperliche Veränderungen an ihre Grenzen gelangen. Beispielsweise, wenn sexuelle Positionen variieren, der Druck oder Rhythmus nicht identisch sind oder die Aufmerksamkeit stark auf das Gegenüber gerichtet ist und dadurch die eigene Wahrnehmung in den Hintergrund tritt. Auch körperliche Veränderungen wie Wechseljahre, Alterungsprozesse oder operative Eingriffe können dazu führen, dass bisher vertraute Formen der Sexualität nicht mehr wie gewohnt funktionieren. Dies kann sich unter anderem in Orgasmusproblemen, Erektionsschwierigkeiten, reduzierter Spürfähigkeit oder Lustlosigkeit zeigen. Die gute Nachricht: Sexualität ist kein statisches System. Wahrnehmung, Bewegung und Lust können in jedem Lebensalter erweitert und neu erlernt werden.
Sexocorporel ist ein ressourcenorientiertes sexualwissenschaftliches Modell, entwickelt von Jean-Yves Desjardins. Es versteht Sexualität als ein System, das sich durch Lernen und Üben weiterentwickelt. Das Modell unterscheidet vier miteinander verbundene Ebenen:
Körperliche Ebene
Sie umfasst Körperwahrnehmung, Haltung, Muskelspannung, Atmung, Bewegung und Rhythmus.
Kognitive Ebene
Hierzu zählen Gedanken, Glaubenssätze, Erwartungen und sexuelle Mythen.
Sexodynamische Ebene
Diese Ebene beschreibt Begehren, Lust, Fantasien sowie die Art und Weise, wie sexuelle Erregung erlebt wird.
Beziehungsebene
Sie bezieht sich auf Kommunikation, Nähe, emotionale Verbindung und die gemeinsame Gestaltung von Sexualität.
Alle vier Ebenen der Sexualität sind veränderbar. Durch körperliches Lernen und gezielte Übungen können neue Erfahrungen ermöglicht und bestehende Muster erweitert werden.
Die Übungen helfen unter anderem dabei:
• die eigene Körper- und Lustwahrnehmung zu schärfen
• Muskelspannung, Atem- und Bewegungsmuster bewusster wahrzunehmen
• gewohnte Muster zu erkennen, die Lust reduzieren können
• neue Bewegungen, Rhythmen und Empfindungen zu erforschen
• eigene Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse klarer zu spüren und zu kommunizieren
Sexualität ist nicht etwas, das uns „gegeben" wird. Sie ist ein dynamischer Prozess, der gestaltet, erfahren und trainiert werden kann. Motorisches Lernen ermöglicht es, Wahrnehmung, Bewegung, Kommunikation und Lust weiterzuentwickeln und das eigene sexuelle Repertoire zu erweitern. Übung ist daher kein Mangel, sondern der Schlüssel zu einer erfüllten Sexualität.
Wenn Sie sich in diesem Bereich näher kennenlernen und Ihre sexuellen Möglichkeiten erweitern möchten, begleite ich Sie gerne auf diesem Weg – fachlich fundiert, körperorientiert und individuell.
Der dargestellte Ansatz verbindet physiotherapeutische Prinzipien mit dem sexualwissenschaftlichen Modell des Sexocorporel.